ÜBER UNS
Herkunft, Gründung und Ziele der IG
Die Geschichte der Wandertruppen in Deutschland reicht in das 17. Jahrhundert zurück. Die Entwicklung der Landestheater zur flächendeckenden Theaterversorgung gehört in die Reihe der neuen sozialen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts und war verbunden mit den Bestrebungen eines „Theaters für alle“ des deutschen Volksbühnen-Verbandes, der selbst Landesbühnen gründete.
Alle heute bestehenden Landesbühnen wurden mit Ausnahme der Umstrukturierung des Marburger Schauspiels in ein Hessisches Landestheater nach dem Zweiten Weltkrieg bereits bis 1953 wieder oder neu gegründet.
Vor 1953 gab es daneben bereits als Nachkriegserscheinung drei Initiatoren von Theatertourneen mit prominenten Schauspielern: ab 1951 Egon Karter, bis 1968 Direktor der Komödie Basel, seit 1965 Leiter eines eigenständigen Tourneetheaters, Kurt Kollien, der seit 1932 eine Konzertdirektion unterhielt und jetzt Theaterproduktionen im Theater am Besenbinderhof in Hamburg erstellte, sowie Dr. Kurt Raeck, Direktor des Renaissance-Theaters Berlin, mit den Tourneen von Heinz Rühmann und Curt Goetz. Sie alle kamen mit ihren Aufführungen in andere Theater und zunehmend auch in Städte ohne eigenes Ensemble.
Die Nachkriegszeit hatte die Struktur vieler Städte und Regionen verändert. Ausgebombte waren nicht mehr in die Städte zurückgekehrt, sondern schufen sich in kleineren Gemeinden einen neuen Lebensraum. Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern waren in großer Zahl in die westlichen Gemeinden gekommen und veränderten noch einmal die Zusammensetzung der ursprünglichen Bevölkerungsstruktur. In den Städten ohne eigenes Theaterensemble entstand das Bedürfnis nach neuer Lebensqualität.
Gleichzeitig riefen Gebietsreformen in den nicht theatertragenden Städten ein Umdenken hervor: In einigen wuchsen neue urbane Zentren heran, denen bisher ungewohnte Aufgaben zufielen. In dieser Zeit wandelte sich das Schulsystem ebenso wie das System anderer Bildungseinrichtungen, während als sichtbares Zeichen dieser Veränderungen immer mehr Kultur- und Mehrzweckhallen aus dem ländlichen Boden wuchsen.
Im gleitenden Übergang von den bereits erwähnten Tourneeunternehmungen, die von einem festen Haus ausgingen, und parallel zu ihnen gilt 1953 mit der Gründung des eigenständigen Grünen Wagens von Alexander E. Franke in Erlangen als das Geburtsjahr dessen, was wir heute Tourneetheater nennen. Zu den Ersten gehörte ebenso die Neue Schaubühne von Hellmuth Duna. Aus traditionellen Konzertdirektionen wie Schlote (seit 1923) und Landgraf (seit 1945) erwuchsen Tourneeorganisationen auch im Theaterbereich. Die Gründergeneration der privaten Gastspielunternehmer prägten ebenfalls Maria Becker und Will Quadflieg. Sie waren um die 40, als sie 1956 den „Tasso“ für eine Tournee vorbereiteten, die Dr. Kurt Raeck noch für sie organisierte. Was sie bewog, auf Tournee zu gehen, formulierte Will Quadflieg folgendermaßen:
„Es gibt einen kleinen Kern ernsthafter Schauspieler, die bereit sind, sich jährlich einige Monate aus ihrem Ensemble zu lösen, und auch ein größeres finanzielles Risiko eingehen wollen. Sie müssen sich ohne Honorargarantien auf Teilungsbasis verpflichten, und es soll ihre künstlerische Intensität nur verstärken, wenn sie allabendlich durch den Vorhang gucken, um zu prüfen, wie viele Menschen gekommen sind.“ Die Tradition und die Nöte der alten Wandertheater verbänden sich hier mit den völlig anderen Forderungen und eigenen geistigen Zielsetzungen einer heutigen Schauspieltruppe. Nicht einer Ideologie, sondern einer klaren Idee würden sie dienen; den Autor an das Publikum und dieses an den Autor heranführen, was gerade bei ständig wechselnden Spielorten besser und fruchtbarer geschehen könne als in einem festen Theater.
1958 gründete Maria Becker dann mit Robert Freitag die eigene Schauspieltruppe Zürich und übernahm dafür Dr. Raecks Berliner Tourneemanager Günther Vogt. Solche Zellteilungen sollte es in der späteren Geschichte der Tourneetheater noch mehrere geben. Maria Becker war es auch, die am 17. August 1973 mit zwölf Tourneetheatern in München besprach, eine Interessengemeinschaft der deutschsprachigen Tourneetheater (IG) zu gründen, die sich dem Internationalen Direktoren-Verband e.V., Düsseldorf, anschließen sollte.
Am 28. September desselben Jahres kam es dann in München zum endgültigen Beschluss. Die Tourneetheater bilden seitdem eine eigene Gruppe im Direktorenverband, der sich seit einigen Jahren Internationaler Fachverband IFSU e.V. nennt. Er vertritt sie nach außen und lässt ihnen gleichzeitig juristische Hilfe zukommen.
In den ersten 16 Jahren haben am Anfang und am Ende 10 Jahre Helmut Zocher, dazwischen 6 Jahre Joachim Landgraf die IG als Sprecher vertreten. Die nächsten 17 Jahre versah Hartmut Kempf dieses Amt bis 2006 RA Roland Voges, der Syndikus des IFSU, diesen Part übernahm.
In der Vergangenheit haben bedeutsame Unternehmen der Interessengemeinschaft angehört, die heute nicht mehr bestehen. Dazu gehörten die bühne 64 (Jürg Medicus später Margot Medicus), das Ernst-Deutsch-Theater-unterwegs (Friedrich Schütter), die Münchner Schauspielbühne (Mariello Momm, Maria Caleita), die Theater-Produktionen Kuhnen (ehemals Berliner Tournee, Erich Kuhnen), das Theater unterwegs (Dieter Henkel).
Die IG der deutschsprachigen Tourneetheater wurde 1980 zu einem wichtigen Partner der damals gegründeten Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA), zumal mit ihr erstmals der noch heute bestehende einheitliche Gastspielvertrag für Schauspielaufführungen ausgehandelt und abgeschlossen worden ist. In regelmäßigem Kontakt werden alle wichtigen Fragen des Tourneebetriebes und der Spielstätten einschließlich aktueller Verordnungen und Verwaltungsvorgänge sowie der technischen Abwicklung miteinander besprochen.
Ziel der IG ist es, sich durch verlässliche künstlerische Leistungen und als organisatorisch zuverlässige Partner zu profilieren. Mit Blick auf die Zukunft wurden 2006 auf Anregung aus den eigenen Reihen neue Mitglieder vor allem der jüngeren Generation in die Interessengemeinschaft aufgenommen.
von Herrn Dr. Dieter Hadamczik
Realisiert und gefödert durch ARTEMiSiUM GmbH & Co. KG